Montag, 5. Juli 2010

Noch eine Runde auf dem Karussell - Auszug aus dem Buch von Tiziano Terzani

"Die Chemotherapie war nötig geworden, weil der ursprüngliche Tumor, der nicht besonders aggressiv war und dessen Zellen sich nur langsam vermehrten, ganz plötzlich eine "Mutation" erfahren hatte. Und in dieser neuen Form war er sogar äußerst aggressiv und vermehrte sich rasend schnell. Die Chemotherapie sollte diese Mutation stoppen. Das Problem war nur, dass die Chemotherapie schon längst damit begonnen hatte, mich zu "mutieren".
Nach einigen Wochen Behandlung war mein Körper nicht wiederzuerkennen, und jeden Tag stellte ich eine neue Veränderung fest, zunächst kaum auffallen, dann immer markanter. Ich war ein Mutant, wie in einem billigen Science-Fiction-Film.
Meine Sinnesorgane hatten ihren Sinn verloren: Mein Tastsinn war abgestumpft, und Gerüche und Düfte nahm ich kaum noch wahr. Meine Finger kamen mir empfindlich und zerbrechlich vor, wie aus Glas. Mit den Fingernägeln konnte ich keine Orange mehr schälen. Bald schon wurden sie bräunlich wie alte Fotos. Die Zähne und das Zahnfleisch waren so empfindlich, dass sich auch die weichste Zahnbürste wie ein Reibeisen darauf anfühlte. Meine Zehen kribbelten ständig und wurden zuweilen ganz taub. Die Nägel der großen Zehen färbten sich schwarz und lösten sich ab. Mein Gesicht war aufgequollen und mein Bauch ebenso.
Das Schlimmste aber war der Kopf: Ich hatte den Eindruck, er funktioniere einfach nicht mehr, ich könne nicht mehr denken. Eigentlich habe ich mich nie für besonders intelligent gehalten und immer Leute bewundert, die mit einem Argument oder einem Gedanken vier, fünf Saltos drehen konnte, während bei mir nach höchstens zwei Schluss war. Doch nun patzte mein Kopf schon bei den einfachsten Übungen: Ich vergaß, den Wohnungsschlüssel abzuziehen, die Gasflamme unter einem leeren Topf auszudrehen oder den heißen Kamillentee zu trinken, den ich mir vor dem Zubettgehen noch aufgebrüht hatte und der dann am anderen Morgen kalt im Becher auf dem Küchentisch stand.
Manchmal fühlte ich mich wie in Trance: Ich glaubte, etwas gegriffen zu haben, und schon entglitt es mir. Verschiedene Teller und Schüsseln gingen dabei zu Bruch. Ich dachte, vom Sofa zur Küche seien es drei schritte, doch um sie zurückzulegen, brauchte ich drei Minuten. Mein ganzer Körper war langsamer geworden und verhielt sich, als habe er das Gleichgewicht verloren. Häufig hatte ich das Gefühl, im Wasser zu treiben, keinen festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich lebte auf wenig mehr als vierzig Quadratmetern und verlor unablässig meinen Stift oder meine Brille..."